Biografisches –   oder – was treibt uns an?

 

Es ist nicht die Armut, nicht die Not, die Kunst entstehen lässt.

Erst als der gröbste Hunger und Durst gestillt war, wurden die Gefäße, aus denen man trank, mit Ornamenten versehen. Kunst braucht Freiraum und freie Zeit, um über sich und die Welt ästhetisch nachzudenken und spielerisch damit umzugehen.

Es gab eine Zeit, in der ich mich ausführlich und intensiv mit dem auseinander gesetzt habe, was mich antreibt, behindert und lenkte. Damals war ich der Meinung, dass fast alles in der Erziehung und der Umwelt begründet sei. Neuere Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil genetisch festgelegt ist, wenn auch über Generationen immer wieder modifiziert. Der Einfluss hat also verschiedene Ursachen. Zumindest ein wesentlicher Teil kann aus gelebten Erfahrungen erklärt werden. Sich darüber bewusst zu sein und heraus zu finden, was man aufgenommen hat und was einem geprägt hat, kann dazu beitragen, seine Kräfte klarer und intensiver freizulegen und bewusst zu steuern, um Störendes zu neutralisieren oder zu verarbeiten.

Vor rund 40 Jahren, Anfang der 70er Jahre, lebte ich in einer der ersten Wohngemeinschaft, damals noch Kommune genannt. Neben gemeinsamen Wohnen wollten wir uns auch erforschen und alle Normen, die uns von der Gesellschaft aufoktroyiert und verinnerlicht worden waren, ausfindig machen und an deren Stelle etwas Neues setzen, neue Formen des Zusammenlebens entwickeln. Wir wollten Privateigentum, Eifersucht, Kleinfamilie und Individualismus am liebsten ganz abschaffen.

Wir gingen weit in unsere Kindheit zurück und je mehr wir uns damit beschäftigten, je tiefer wir in unserem Unterbewusstsein gruben, desto älter wurden die Erlebnisse, die neu im Bewusstsein auftauchten. Um es auf die Spitze zu treiben, liebäugelten wir sogar mit LSD, von dem Freunde erzählt hatten, dass man auf einem Trip mit dieser Droge Erlebnisse aktivieren könne, die sich im Mutterleib abgespielt hätten.

Aber auch ohne Drogen wurde mir durch viele Gespräche und der Beschäftigung mit meiner Kindheit, klar, dass mein frühes Leben ein Bruch durchzog. Es war der Umzug meiner Eltern von einem kleinen Dorf nach Köln, vom natürlichen Umfeld in die städtische Umgebung.

Wenn ich heute meine künstlerischen Arbeiten betrachte, dann beschäftigt mich am meisten die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur und der Menschen untereinander.In Spannungsfeld von Natur und Zivilisation gründen fast alle Erlebnisse, die mir heute noch präsent sind und die mir immer wieder einfallen.

Zufall oder doch mehr ?

Dazu möchte ich einige Erlebnisse schildern – nicht zuletzt zum Verständnis von mir und meinen künstlerischen Arbeiten.

Ich bin die ersten 9 Jahre in dem kleinen Dorf Aura in Franken ( Bayern ) aufgewachsen, das von einem Fluss in zwei Teile getrennt war und durch eine Brücke verbunden wurde. Außerhalb, alleinstehend auf einem Berg, blickte die Kirche über das Tal.

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Aura an der Saale in Franken Ende der 50er Jahre

 

Unser Haus war das letzte in der kleinen, unbefestigten Gasse, die unmittelbar danach bergauf neben einem tief eingeschnittenen Bach in den Wald führte. Hinter unserem Haus zog sich oberhalb einer Mauer, die den Hang einfasste, ein steiler Berg hinauf, der mit Wiesen, Obstbäumen und einem Garten kultiviert war. Nach rund 200 Metern endete die Wiese am Waldrand.

Soviel zum Ort meiner Kindheit.

Aber schon dadurch wird deutlich, dass ich meine ersten Lebensjahre viel in der Natur verbrachte. Es waren immer nur wenige Schritte von meinem Elternhaus in die fast wilde und freie Natur.Wir wohnten genau an der Grenze von dörflicher Zivilisation und Natur.

Ich spielte mit diesem Gegensatz. Tief in meiner Erinnerung eingegraben haben sich sommerliche Regentage. Dann schoss das Wasser in den Rinnen des Weges, die Wagen in die Gasse eingraviert hatten, vom Wald herunter. Ich staute es auf und lenkte es um. Ich glaube, ich hatte mehr Spaß daran, wenn die Flut meine gebauten Dämme wieder zerstörte, als dass sie das Wasser aufhielten. Ich genoss das Spiel der Kräfte der Natur und meinem Dagegenhalten. Doch letztlich war immer die Natur, das Wasser stärker als ich.

Obwohl ich vielleicht erst 5 Jahre alt war, sind mir heute noch diese Spiele mit Wasser und Sand sehr präsent.Als ich neun Jahre alt war, zogen meine Eltern nach Porz, nahe bei Köln ( heute ist es Teil von Köln ). Mein Vater fand in Franken keine Arbeit mehr und hatte schon seit einigen Jahren in Frankfurt und Köln gearbeitet. Aber hier im Rheinland war alles anders. Ich fühlte mich alles andere als wohl. Ich wurde scheu und zurückhaltend. Ich zog mich zunehmend in meine Gefühls- und Gedankenwelt zurück. Ich war nicht nur in der Fremde, ich fühlte mich auch so. Ich vermisste das Dorfleben und die Dorfgemeinschaft. Ich fühlte mich heimatlos.

Schon als Kind wurde man in meinem Heimatdorf nicht als nur als solches behandelt. Ich wurde auch von den Erwachsenen ernst genommen. Ich war Teil der Arbeits- und Lebenswelt der Erwachsenen.

Die Arbeit mit den Eltern, das „Heumachen“ und die Mitarbeit bei den Ernten, habe ich nicht als Kinderarbeit empfunden, obwohl es welche war. Die damit verbundene Anerkennung hob die Mühen bei weitem wieder auf. Noch heute sehr präsent ist mir die Situation, als eine ältere Nachbarin mich unbedingt beim Kräutersammeln dabei haben wollte. Ich, ein noch „unschuldiger Junge“, sollte ein spezielles Kraut pflücken. Nur dann könnte es seine ganze Heilkraft entfalten. Ich war diesem Fall sogar noch wichtiger als ein Erwachsener.

Die Stadt gab mir in dieser Hinsicht nichts.

Im Dorf war auch alles noch viel unmittelbarer. Das Wasser holten wir vom Brunnen, die Milch vom Nachbarn, Obst und Gemüse kam aus dem Garten und das jährlich gemästete Schwein versorgte uns das Jahr über mit Schinken und Wurst. Selbst das 200 Liter große Fass Apfelwein, wurde jedes Jahr aus selbst geernteten Äpfeln gekeltert. Besonders in den Wintermonaten trafen wir uns abends reihum bei den Nachbarn. Alles spielte sich in der „ guten Stube“ ab, die Frauen strickten, die Kinder spielten und die Männer spielten „Schafskopf“ miteinander.

Ich sehnte mich danach und wollte dorthin zurück. Das ging natürlich nicht.

Also gewann der Gedanke immer mehr an Gestalt, dass ich mir dann das Dorf in die Stadt holen müsste. Zunächst suchte ich Gleichgesinnte. Ich begann mich mit Außenseitern der Gesellschaft zu identifizieren, mit Verweigerer, die auf Distanz zum Bestehenden gingen – mit sogenannten „ Gammlern und Beatniks“, wie sie in den 60 er Jahren genannt wurden.So war es nicht verwunderlich, dass mich meine ersten Reisen 1968, die Tramptouren waren, nach Matala und Vai auf Kreta führten, wo die konsequentesten Aussteiger in Höhlen am Meer bzw. in einem 800 Jahre alten Palmenhain am Strand lebten.

 

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Die Höhlen von Matala im Süden von Kreta

 

 

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Palmenstrand Vai im Westen von Kreta

 

Eine andere Reise führte mich nach Istanbul und dort in den Pudding Shop, einem auf Pudding spezialisierten Café, wo man sich für einen Pfennigbetrag satt essen konnte. Ende der 60er trafen sich dort Aussteiger aus aller Welt. Junge Japaner machten dort Halt auf dem Weg nach Europa, Amerikaner und Europäer waren auf dem Weg nach Goa oder Kathmandu. Alle waren auf der Suche nach dem wahren, anderen Leben.

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Der Pudding Shop in Istanbul in den 60er Jahren

 

Die Türken selbst waren direkt und herzlich und den ganzen Tag wurde man ohne Scheu und Distanz angesprochen. Selbst in der Millionenstadt begegnete mir ihre bedingungslose Gastfreundschaft. In ihr fand ich das Klima meiner Kindheit wieder. Ich erlebte das, was ich aus meiner Kindheit vermisste. Ich sah, dass eine entwickelte Gesellschaft und soziale Wärme keine Gegensätze sein mussten.

Von ähnlichen Gedanken, wie ich sie hatte, schienen junge Menschen überall in den entwickelten Gesellschaften infiziert zu sein.

Alle wollten der „Normalität“, dem falschen Schein, der falschen Welt entfliehen. Die Suche nach Befreiung, lockerte den Körper für den Sex, öffnete die Ohren für den Beat und brachte den Kopf auf unerhörte Gedanken. Aus der Infrage Stellung wurde Revolte, Umwälzung, Neubeginn. Es ging jetzt darum, nicht nur als erleidender, sondern als handelnder Mensch zu leben. Nicht nur über dicke Mauern nachdenken, sondern sie zum Einsturz zu bringen wurde zum Leitfaden.

Man musste also etwas verändern.

Damit begann mein politisches Engagement und führte mich gleich einer Odyssee durch diverse linke und alternative Gruppen.War es Anfangs die Kälte der Gesellschaft, die mich abstieß, kam mit der Zeit die Einsicht, dass sie auch ungerecht war. Der Krieg der USA in Vietnam, die antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika und die Aufstände gegen Neokolonialismus in Südamerika zeichneten weltweit ein Bild der Ausbeutung und Unterdrückung durch die kapitalistischer Gesellschaften, zu der auch die Bundesrepublik Deutschland gehörte.Mir war aber auch klar, dass Veränderung der Gesellschaft mit der eigenen Veränderung Hand in Hand gehen musste.

Das war die Zeit, als ich begann mit neuen Lebensformen zu experimentieren. Fast zwei Jahre lebte ich in einer „Kommune“, wie WG’s damals genannt wurden. Allerdings war nicht nur der Name anders, auch die Ziele hingen viel höher, wie schon am Anfang geschildert.Das Experiment scheiterte letztlich an unsere Schwäche und der Stärke der bestehenden Verhältnisse. Wir hinterließen allerdings in der Gesellschaft sichtbare Spuren und das bis heute.

Ich studierte in jener Zeit Jura. Die Verteidigung von Recht und Gesetz schien mir angesichts vieler Einschränkungen ( Deutscher Herbst – RAF Prozesse ) in jener Zeit wichtig zu sein. Doch kurz vor dem Examen kamen mir Zweifel. Ich gab schon an der Uni eine Zeitung mit heraus – und das mit Erfolg und so entschloss ich mich, zukünftig als Journalist zu arbeiten. Ich brach mein Studium ab und eröffnete ein Cafe` / Restaurant. Hier wollte ich zumindest einen Teil meines Lebensunterhaltes verdienen, um nicht ganz vom Schreiben abhängig zu sein. Was nur für eine Übergangszeit geplant war, füllte mein Leben fast zwei Jahrzehnte aus. Der Journalismus blieb dabei auf der Strecke. Insgesamt war ich am Aufbau und Betrieb von sechs Cafe`/ Restaurants in Köln in den nächsten zwanzig Jahren beteiligt. Die Einbettung der Gastronomie in kulturelle Institutionen bediente vorerst auch meine politischen Vorstellungen.

Sowohl das Stadtgarten- Restaurant im Jazzhaus als auch das Restaurant Maybach im Filmhaus subventionierten die Kultur. Die Gastronomie mit ihren Überschüssen trug dazu bei, kulturelle Freiräume unabhängig vom Staat zu schaffen. Der Betrieb der Gastronomie war also nicht nur eine rein kommerzielle Sache.

Aber letztlich befriedigte mich der Alltag der Gastronomie nicht wirklich.

Im beruflichen Alltag ging mir einiges davon verloren, was mir wichtig geworden war. Sosehr ich auch versuchte, Vorstellung und Realität miteinander zu verbinden, es blieb oft bei der Absicht und gelang nur sehr vermittelt. Zuletzt mit fast 50 Mitarbeitern war ich ein Gefangener von Sachzwängen geworden. Mit der Geburt unserer Tochter begann ich langsam, wenn auch mit Rückschlägen, mich aus dem beruflichen Engagement ( Gastronomie ) zurückzuziehen. Ein großer Garten, den sich meine Frau gewünscht hatte, und die Beschäftigung damit, führten mich wieder näher an die Natur. Gemeinsam rodeten wir, pflügten um, pflanzten neu oder ließen es einfach wachsen.

2004 machte ich beruflich einen Cut und arbeitete fortan die nächsten Jahre alleine als selbstständiger Handwerker. Eine Ausbildung in jungen Jahren im Baubereich half mir dabei. Das tat mir gut. Das machte meinen Kopf wieder frei. Meine Frau Ulrike half mir bei diesem Schnitt und brachte mich durch ihr Interesse der Kunst näher. Durch ihr Interesse an der bildenden Kunst kam ich mit der Bildhauerei in Berührung und eine neue Leidenschaft entbrannte. Ich machte berufsbegleitend ein Studium und arbeitete fortan parallel zum Handwerk als Bildhauer.

Die neu erworbenen handwerklichen Fähigkeiten ermöglichten mir, mich auf bisher ungewohnte Weise auszudrücken

Doch was wollte ich mit meiner Kunst ausdrücken.

Suche ich in meinem Innersten, in meinem Unbewussten nach mir selbst? Fasse ich meine Arbeiten als Selbsttherapie auf? Ist der Weg ins eigene Innere mein Weg? Oder will ich etwas weitergeben, das größer ist, als ich selber. Ich dachte viel über mein Leben nach. Letztlich hat nicht die intellektuelle Reflexion entschieden, sondern meine gemachten Erfahrungen.Die Erlebnisse zwischen meinem dritten und achtzehnten Lebensjahr hatten mich mehr geprägt als das gesamte Leben danach.

Das Unbehagen mit den bestehenden Verhältnissen war immer wesentlicher Antrieb für mein Denken und Handeln.

Eine weitere Erkenntnis meines späteren Lebens kam noch dazu:

Man kann nur nachhaltig handelnd in seine Umwelt eingreifen, wenn man sich dabei nicht selbst immer infrage stellt und sich dadurch auch selbst verändert. So wurden meine bildhauerischen Arbeiten auch zu einer Bilanz meines bisherigen Lebens. Wenn man zudem mit einem Kind zusammenlebt, wächst auch die Verantwortung, welche Welt man hinterlässt.

Die Bewahrung der Natur, die Veränderung der ungerechten Gesellschaft und die Weichenstellungen für die Zukunft mitzugestalten, wurden Eckpunkte meiner künstlerischen Tätigkeit und sind es geblieben.

Wolfgang Herterich Köln, Februar 2018